3 Tage in Wien – Hundetrainerkongress Tag 2 und Heimfahrt

Auch am Sonntag hat mein Netzwerk gut funktioniert. Ich wollte zuerst gar nicht raus gehen, weil ich solche Angst hatte. Wovor fragt ihr euch sicher. Nun, das ist eine gute Frage, ich weiß es nicht. Zum Glück war eine Freundin schon munter und so konnte ich mit ihr telefonieren während ich mit Ylvi eine Runde drehte. Wir entdeckten dann sogar eine Freilaufzone in der Nähe der Veterinärmedizinischen Uni und Ylvi durfte sie gleich inspizieren – während ich immer noch am Telefon hing. Ich erfüllte wohl voll das Klischee eines Hundehalter, der seinen Hund laufen lässt während er telefoniert. Dennoch hatte ich Ylvi und die Umgebung stets im Blick.

IMG_20160221_152514Der zweite Tag des Hundetrainerkongresses bot wie „Tierschutzkonforme Ausrüstung“, „Umgang mit ängstlichen Hunden“ und „Umgang mit aggressiven Hunden“ an. Es war alles extrem spannend, doch bereits zu Mittag war ich völlig platt. Um dem Ansturm am Buffett zu entgehen, ging ich ein paar Minuten vor Ende des Vortrages nach draußen und holte mir mein Essen. Anschließend gab es für Ylvi wieder etwas Bewegung am Hundeplatz.

Am Nachmittag konnten wir uns für einen von zwei vertiefenden Vorträgen entscheiden. Ich wählte „Umgang mit ängstlichen Hunden“, da Medic sich ja noch wie vor nicht so wohl fühlt beim Autofahren. Es waren sehr viel tolle Tipps dabei, aber meine Konzentration ging gegen null und meine Fassade bröckelte. Selbst die Duftöle und das erden durch Ylvi halfen nicht mehr wirklich. Zum Glück hatten wir Skripten von den Vorträgen bekommen.

Als der Kongress endlich zuende war, verabschiedete ich mich und machte mich auf dem Weg ins Hotel. Von dort wurde ich direkt abgeholt und traf mich mit einer weiteren Freundin. Gerade weil ich ständig am wegdriften war, gingen wir eine große Runde über die Felder. Ylvi durfte endlich wieder frei laufen und alles abschnüffeln. Mir tat das Gespräch und die frische Luft mit meiner Freundin auch gut. Sie erzählte mir wie weit sie mit dem Projekt „Assistenzhundezentrum“ schon war, was noch alles abgeklärt werden müsse und was es noch zu bedenken gäbe. Dieses Assistenzhundezentrum soll dann als Ausbildungsstätte für PTBS-Assistenzhunde dienen. Ein großes Projekt, aber auch eines in dem viel Herz drinnen steckt. Eine der wichtigsten Dinge war die Suche nach geeigneten und guten Hundetrainern.

Die Anspannung der letzten Tage machte sich bemerkbar. Der Spaziergang bot nur kurzfristige Besserung. Ylvi meldete sich. Offensichtlich war ich dem Zusammenbruch näher als gedacht. Ylvi versuchte sich an mich zu kuscheln, stupste mich an und fiepte regelrecht. Am Anfang kapierte ich nicht was sie wollte, doch das wurde mir dann sehr schnell klar. Ich gab ihr in der Wohnung oben noch was zu fressen, weil ich dachte, dass sie deshalb summste. Doch sie machte weiter. Auch der Ball auf dem sie rumkauen konnte stellte sie nicht zufrieden.

Nachdem es nicht besser wurde und ich auch etwas Zeit für mich brauchte, gingen wir runter ins Auto. Das mag sich jetzt etwas komisch anhören, doch im Auto (vorzugsweise wenn es fährt) fühle ich mich sicher. Und genau dieses Gefühl von Sicherheit hatte ich bitter nötig. Netterweise fragte meine Freundin gar nicht groß nach, sondern nahm es als selbstverständlich hin, dass ich mich in ihr Auto zurückzog. Im Kofferraum lag bereits eine Decke, die eigentlich für ihren Hund gedacht war. Ich breitet noch Ylvi ihre Decke drüber, sperrte das Auto zu und legte mich hin.

Sofort kuschelte Ylvi sich fest an mich und atmete gut hörbar auf. Endlich konnte auch ich aufatmen. Ich wendete meine Atemtechniken an und merkte erst da wie verkrampft meine Muskulatur bereits war. Mit mir entspannte sich auch Ylvi immer mehr. Ich hatte meine Hand auf ihren Körper liegen und spürte richtig wie sie unter mir „weicher“ wurde. Wir lagen die ausgemachten halbe Stunde im Auto und dann kam meine Freundin wieder und wir fuhren etwas essen.

Nach dem Essen brachte sie mich direkt zum Bahnhof und wartete bis ich in den Zug eingestiegen war. Obwohl es super anstrengend für mich war, so war es doch ein toller Abend und ich hab mich riesig über das Treffen gefreut!

Im Zug teilte ich mir das 6er Abteil mit zwei Männern. Die Angst klopfte wieder an. Ich hatte einen Platz am Fenster reserviert und setzte mich so, dass neben mir der Sitz frei war. Ylvi platzierte ich neuerlich zu meinen Füßen. Weil die Angst so stark wurde, meldete ich mich neuerlich bei einer Freudin und schrieb mit ihr fast die ganze Fahrt durch. Manchmal ist es halt von Vorteil wenn man Leute kennt, die auch nicht schlafen können…. 😉

IMG_20160222_030652Als einer der Männer das Licht im Abteil ausschaltete bekam ich eine Panikattacke. Mir wurde heiß und ich zitterte. Ylvi hatte bereits völlig erschöpft geschlafen, doch sie merkte was los war und legte mir die Pfoten auf den Oberschenkel. Ich streichelte sie und langsam wurde die Angst weniger.

Nach ein paar Stationen stieg einer der Männer aus und der andere rutschte zur Tür. Er sagte: „Damit der Hund mehr Platz hat.“ Das fand ich echt nett und traute mich zu fragen, ob es okay wäre wenn er das Abteil absperren würde. Somit fühlte ich mich ein wenig sicherer. Das Abteil war abgesperrt, der Mann lag ausgestreckt hinter der Tür, dann lag Ylvi am Boden und dann erst war ich beim Fenster. Von draußen würde also erst mal niemand reinkommen. Das war halt auch nur möglich weil der Zug recht leer war und sonst niemand in dem Abteil reserviert hatte.

Die Zugfahrt war sehr lang und meine Kraft weit überschritten. Ich stand kurz vor dem Zusammenbruch und konnte mich nur dank meiner Freundin noch zusammenreißen und durchhalten.

Endlich in Innsbruck angekommen nahm ich mir ein Taxi nach Hause. Die Strecke zu gehen hätte ich nicht mehr geschafft. Ich war einfach zu ko.

In dem Vortrag von Frau Schöberl „Umgang mit ängstlichen Hunden“ hatten wir auch etwas zum Thema Stress gehört. Ich merke, dass ich Ylvi noch viel besser beobachten lernen muss, denn sie zeigt mir bereits sehr früh an wenn es mir nicht gut geht. Doch leider ignoriere ich das immer wieder mal. Zum Beispiel hatte sie dieses Wochenende ein sehr starkes Kaubedürfnis, das ich so von ihr nicht kenne. Die getrockneten Ochsenschwänze hatte sie wie nichts weggenagt und auf dem Ball kaute sie auch ewig rum. Spätestens da hätte mir ein Licht aufgehen sollen. Kauen beruhigt und dient dem Stressaubbau. Na, logischerweise war dieses Wochenende für sie auch Stress, gerade weil es ja auch stressig für mich war und ich kurz vorm Zusammenbruch war.

Frau Schöberl hatte ein tolles Beispiel aus ihrer Praxis erzählt. Eine Kundin von ihr war wegen der Angststörung ihres Hundes im Training. Zudem hatte die Dame selber auch eine Angststörung diagnostiziert. Der Hund war wie eine Spiegel für die Kundin und diese konnte aus dem Training für ihren Hund sehr viel auch für sich selber mitnehmen. Das Training zeigte Wirkung und sie sagte: „Jetzt ärgere ich mich nicht mehr wenn mein Hund Angst hat. Ich sehe ihn als Spiegel und erkenne so wenn es mir nicht gut geht. Dann arbeite ich an mir und meiner Angst und auch dem Hund geht es dann wieder besser.“ Diese Erzählung hat mich sehr berührt. Ylvi zeigt ja von sich aus an wenn es mir nicht gut geht, ich habe das Verhalten nur verstärken müssen. Sie ist somit auch wie ein Spiegel für mich und es liegt in meiner Verantwortung zu schauen, dass es ihr gut geht. Dies erreiche ich indem ich auch auf mich achte und darauf, dass es mir gut geht.

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