Lieber Verkaufsmitarbeiter

Wir haben uns gestern getroffen. Erinnerst du dich noch daran? Ich war mit meiner Assistenzhund einkaufen und du hast mich gesehen. Wie (fast) überall wurde ich von dir auch darauf hingewiesen, dass Hunde in Lebensmittelgeschäften nicht erlaubt sind. Dabei war Ylvi doch mit dem offiziellen Halstuch gut sichtbar als Assistenzhund gekennzeichnet.

Assistenzhund WillkommenDiesmal war ich nicht darauf vorbereitet angesprochen zu werden. „Warum nicht?“ wirst du dich fragen.
Nun, zum einen weil ich bereits öfters in der Filiale einkaufen war, die Situation einmal erklärt habe und danach nie mehr angesprochen wurde. Zum anderen weil ich sogar den Aufkleber der Wirtschaftskammer mit „Assistenzhunde Willkommen“ am Eingang aufkleben durfte. Eine der wenigen Filialen wo ich das durfte.

Ich war also überhaupt nicht darauf gefasst, dass du mich ansprichst. Ich war erschrocken und konnte erstmal nicht wirklich klar denken. Ich hab noch versucht zu erklären, dass Ylvi ein Assistenzhund ist und mit rein darf, doch irgendwie schien das nicht anzukommen. Du hast sogar gesagt, dass du nicht geschaut hast als ich dich auf die Kennzeichnung hingewiesen hab. In meiner Not hab ich Paul angerufen. Vielleicht hast du ja gemerkt, dass meine Hände zitterten als ich mein Handy rausholte?

Ja, du hattest es zuerst freundlich gesagt, dass keine Hunde rein dürfen. Doch da hatte sich mein klar denkender Verstand bereits verabschiedet. Ich war wie erstarrt. Du wirst du sicher jetzt wunder, wie so ein „einfach Hinweis“ mich so aus dem Konzept bringen kann. Nun, das liegt an meiner Erkrankung und ist auch der Grund warum Ylvi mich überallhin begleitet.

Dass du mir vorgeworfen hast, ich sei unfreundlich, hat für mich die ganze Situation nur noch schlimmer gemacht. Ich hatte Angst vor dir. Auch wenn man mir das vielleicht nicht angesehen hat. Innerlich lief bei mir zu dem Zeitpunkt ein alter Film ab. Ich sah nicht mehr dein Gesicht vor mir, sondern das Gesicht von einem der Täter. Insofern war ich froh, dass Paul am Telefon das Reden übernommen hat – und dich wohl auch ordentlich zusammengestutzt hat. So hatte ich Zeit mich ein wenig zu sammeln und das was in mir nach Flucht schrie zu beruhigen.

Für dich mag es nicht schlimm sein, dass du einen Kunden darauf hinweist, dass Hunde in dem Geschäft nicht erlaubt sind. Doch für mich ist es mehr als nur unangenehm. Ich gehe ja nicht nur in ein Geschäft einkaufen und begegne nicht nur einen Mitarbeiter.
Wie ich der versucht hab zu erklären, ist es mir auch schon passiert, dass ich dann von 5 Mitarbeitern in einem Geschäft angesprochen werde. Und jedem einzelnen muss ich dann wieder alles erklären. Denn alle sagen, dass sie von der Ausnahme mit Assistenzhunden noch nie was gehört haben.

Dabei hab ich doch extra alle Zentralen angeschrieben. Jede einzelne der großen Lebensmittelketten hat mir auch bestätigt, dass in ihren Filialen Assistenzhunde Zutritt haben – so wie es das Gesetz auch vorsieht. Bei dieser speziellen Kette hatte ich schon mehrmals Probleme und die Zentrale hatte mir sogar das Mail weitergeleitet, das an alle Filialen raus ging. Somit muss entweder der Filialleiter die Info nicht weitergegeben haben oder du hast es vergessen. Wobei ich dir hier nichts unterstellen möchte.

Ich bin prinzipell gern bereit über die Rechte der Assistenzhunde aufzuklären, doch zu meinen Bedingungen. Diese Bedingungen setzen voraus, dass es mir gut geht. Zu dem Zeitpunkt wo wir geredet haben ist es mir leider eben nicht gut gegangen. Und daher war auch ich nicht so freundlich wie sonst. Denn ja, auch ich bin mal genervt wenn ich eh schon alles in meiner Macht stehende getan habe um die Infos weiterzugeben. Was so ganz nebenbei gesagt nicht mal meine Aufgabe ist.

Wie ich dir dann auch gesagt habe: „Ich möchte einfach normal einkaufen gehen können wie jeder andere auch!“ Das ist allerdings nicht möglich wenn ich jedesmal angesprochen werden. Zudem hab ich Ylvi ja gut sichtbar gekennzeichnet. Wenn du als Mitarbeiter nicht genau hinschaust und sie somit pauschal als „normalen Familienhund“ abtust, da kann ich nichts dafür. Von meiner Seite her wurden alle Voraussetzunge geschaffen, dass ich auf mein Recht bestehen.

  1. Die Zentrale war informiert und stimmte zu, dass Assistenzhunde eine Ausnahme darstellen.
  2. Die Zentrale hat diese Info auch an die einzelnen Filialen weitergeleitet.
  3. Ylvi war gut sichtbar gekennzeichnet
  4. Sogar beim Eingang der Filiale war der Aufkleber „Assistenzhunde Willkommen“ angebracht.

Sogar der Security, der noch hinzukam wusste, dass Assistenzhunde sehr wohl in Lebensmittelgeschäfte dürfen. An ihm bin ich ja beim hineingehen bereits vorbeigegangen und außer einem freundlichen Gruß hat er nichts gesagt. Auch der Kollege von dir, der noch hinzugekommen war, schien zu wissen, dass Assistenzhunde eine Ausnahme darstellen.

Ich hoffe, dass ihr es mir nachseht, dass ich dann nicht auch noch die Aufgaben von Ylvi extra erklären wollte. Ich hab euch meine Karte gegeben mit dem Hinweis auf die Homepage. Vielleicht hat es euch wirklich interessiert und ihr habt schon einen Blick auf die Homepage geworfen. Ja, vielleicht werdet ihr das sogar lesen?

Falls ja, möchte ich euch noch erzählen wie es mir nach unserem Gespräch ergangen war.

Ich wollte nur noch so schnell wie möglich meinen Einkauf beenden. Ich war völlig erschöpft und hatte Mühe noch die restlichen Artikel zu finden, die ich am Zettel stehn hatte. Ylvi hatte zum Glück gemerkt, dass es mir nicht gut ging und sobald ich die Sachen verstaut hatte zog sie mich auf direktem Weg heim. Die Pizza, die mein Mann für mich gemacht hatte war leider schon kalt – ich hatte länger gebraucht als ich bzw mein Mann gedacht hatte. Mit Mühe würgte ich die Pizza hinunter – Hunger hatte ich keinen mehr.

Ich war müde und fertig und so legte ich mich mit meinen Hunden auf die Couch. Wie gewohnt nahm ich meine Schlafmedikamente und schaute noch etwas fern. Doch so wirklich müde wurde ich nicht. Irgendwann um Mitternacht dreht ich den Fernseher ab und versucht zu schlafen. Keine Chance!! Die Angst war wieder da. Ich traute mich nicht die Augen zuzumachen, obwohl ich schreckliIch müde war.

Tja, schlussendlich bin ich die ganze Nacht wach gelegen. Nur das leise schnarchen von Ylvi, die neben mir lag, hatte mich ein wenig beruhigt. Inzwischen wird es schon langsam wieder hell. Ich hoffe, wenigstens am Vormittag noch ein wenig schlafen zu können. Viel Zeit bleibt mir dafür allerdings nicht. Denn die Hunde wollen auch irgendwann raus und bereits ab dem Nachmittag sind wir voll eingeplant. Schließlich ist ja Weihnachten.

 

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